"Und dann ist der Schrei in mir."
Ein Soundtrack fürs Leben – Farben meines Lebens
Wenn ich ein Lied nennen soll, das mich überall im Leben begleitet hat,
dann ist es das legendäre und mutige Lied „Zwischen Liebe und Zorn“ von RENFT.
1984 schleppen mich MfS- Mitarbeiter in einen Keller.
Schweigend drehen sie die Knebelkette an mein Handgelenk und
sie haben ein festes Ziel vor den Augen.
Es ist eine für mich ausgewählte Spezial-Zelle.
Es ist eine für besondere Häftlinge präparierte Zelle,
es ist einer der berüchtigten „ Tiger-Käfige“.
In der Zelle, eine Gitterzelle, mit armlangen Abstand zu einem mit dicken,
milchigen Glasbausteinen vermauerten, ehemaligen Zellenfenster.
In der Mitte der Zelle ist ein Holzhocker fest verankert,
auf den soll ich mich setzen, die Hände auf den Oberschenkeln ablegen und schweigen.
Wie spricht man mit sich selbst? Jedes Zeitgefühl geht mir dort verloren,
irgendwo höre ich Schreie, dann ist der Schrei in mir.
Mein zerfetztes Hemd ist blutig, die Schläge haben gesessen und
meine Antworten im ersten Verhör genügten zu tschekistischen Antworten.
Die Faust der „Arbeiterklasse“ hinterlässt Schmerzen, auch bei mir.
Körperlich und seelisch.
Schweigend kauere ich in diesem Käfig und es sind zwei „Quadratmeter „DDR“ für mich.
Diese Zellen sollen den Widerstand brechen, sie sollen einschüchtern und mutlos machen.
Jeder eigene Wille soll so bekämpft und eliminiert werden.
Dunkelhaft folgt, gleich am ersten Tag.
Da denke ich an die Ängstlichen und Verzagten, auch an die schweigende Mehrheit.
Und an Musik denke ich , an prägnante Melodien und an ehrliche, mutige Texte.
Ich glaube, „Zwischen Liebe und Zorn“,
habe ich in der Central-Halle in Gaschwitz zum ersten mal gehört.
„Alle Zeit drängt nach vorn
Das Lebendige und regt sich
Zwischen Liebe und Zorn
Reift der Mensch und er bewegt sich...“
Ja, ich habe schon lange vor 1984, vor meiner dritten Inhaftierung,
dieses Drängen der Zeit und der Menschen gespürt, ich habe es selbst gelebt.
Immer in der Gefahr der erneuten Verhaftung,
immer im Genick die Stasi-Verbrecher spürend.
„Doch das Lebendige bewegt sich“, bis zum Tod.
„Was für den nicht angenehm ist
Der am Hintern zu schwer
Und im Kopfe zu bequem ist...“
Tatsächlich, Menschen wie ich und tausend andere Widerständler,
waren diesem braunroten Regime,
diesen Linksfaschisten zu keiner Zeit angenehm.
Die kommunistischen Hintern saßen fest im Sattel und
nicht nur unsere Köpfe waren ihnen unbequem.
Das eigene Denken, die freie Meinungsäußerung,
all dies war für die SED- Machthaber gefährlich.
„Doch die Gedanken sind frei – wer kann sie erraten?
Sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten.
Ich denk' was ich will und was mich beglückt, doch alles in der Still',
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch, mein Begehren kann niemand verwehren,
es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei!“
Ich möchte Dank sagen an Klaus, Gerulf, Kuno, Pjotr und
die anderen Aufrechten, sie haben mich nicht nur in meinem Leben begleitet,
sondern sie haben mir den Glauben an das Gute im Menschen
immer wieder erneuert und sie haben,
inmitten von all dem Unrecht,
meinen eigenen Weg immer wieder mit ihrem Tun gestützt.
Die Stasi-Spezialisten führen mich zu neuen Verhören,
nächtelang bedrängen sie mich, drohen, versprechen, lauern,
verletzen, fassen nach, greifen ein, provozieren, lügen, missbrauchen,
wiederholen, nehmen Geruchsproben von mir – für ihre Spürhunde,
durchwühlen mehrfach meine Wohnung, lancieren über mich Gerüchte
in meinem Umfeld, fordern wieder und wieder,
bedingungslos und mit aller Härte...
nicht nur die Namen meiner Freunde wollen sie wissen.
„Möchten Sie jetzt nicht lieber bei Ihrer Familie sein, bei Frau und Kind?“
„Wie war das denn nun mit der Jungen Gemeinde in der Nikolai-Kirche?“
„Hier wurden schon ganz andere Verbrecher zu Plaudertaschen!!!“
„Wir haben Zeit!“
„Äußern Sie sich!!!“
Und so sitze ich den Verhör-Spezialisten des MfS fassungslos,
zweifelnd, manchmal auch ängstlich in den Verhör-Zellen gegenüber
und das Tonband nudelt dieses Frage- und Antwort- Geschehen in sich auf,
ein russisches Mikrophon lauert vor meinem zerschlagenen Mund
und meine frischen Narben im Gesicht verlangen keinen Spiegel.
Bis Mitte 1985 ziehen sich die Verhöre hin. Die Stasis nennen mich die „2“,
denn meinen Namen habe ich schon am ersten Tag in der UHA des MfS verloren.
„Und sperrt man mich ein in finstere Kerker, das alles,
das sind vergebliche Werke.
Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei,
die Gedanken sind frei!
Ich bemerke erstaunt das die Lieder sich mischen,
sich verbinden in musikalischen Bildern und
in diesem Neuen finde ich einen für mich möglichen Weg.
Standhaft bleiben, auf des Messers Schneide.
Auch später dann, im Zuchthaus Cottbus,
immer sind Melodien und Texte bei mir.
Jetzt, in unseren Tagen, erlebe ich die Stasi-Täter und ihre ewig gestrigen Freunde und Helfer.
Sie haben sich quer durch die Gesellschaft verteilt.
Kotzübel wird mir bei diesen Gesichtern und
ihre neuen Kleider verdecken das Blut ihrer Opfer.
RENFT hatte es schon immer richtig genannt.
Und wenn ich, Knorri, dann die alten Klassenkämpfer entlang der
Karl-Liebknecht-Straße flanieren sehe,
dann höre ich stampfenden Hass in ihren Marschliedern und
dann bleibt mir immer noch eine poetisch-melodiöse Gewissheit:
Zwischen Liebe und Zorn findet sich Leben, im Gestern und im Heute.
Für jeden von uns auf seiner Seite, jeder suchend die Liebe,
oder bleibend im Zorn.
Ich möchte die Liebe und den Zorn behalten,
denn erst der Zorn macht mir die Liebe so wertvoll.
Nochmals herzlichen Dank an RENFT,
nicht nur für ihre unbezwingbaren Lieder!
© Thomas Knorri Renker
Leipziger Volkszeitung, "Soundtrack fürs Leben", 24.08.2011
===================================================
1995 Das Leipziger Mädchen, Zeitpunkt
1997 Auf Tuvalu bin ich zu Haus - Lesung mit Session- Band - Haus Leipzig/ Tuvalu
1998 Leipziger Ecken - Lesung mit Session- Band - Die Scheune/ Leipzig/ Stötteritz
2002 Hin und zurück, Lesung im legendären Tonelli`s in Leipzig
2003 Als die Schatten länger wurden, Wartburg Verlag Weimar, Anthologie,
Biographische Stationen, Hrsg. Gottfried Hänisch
2008 Das erste Lächeln - Lesungen zum Thema psych. Erkrankungen - Universitätsklinik Leipzig,
Volkshochschule, Das Boot, Irrsinnig Menschlich
2009 Dass Du mir bleibst, Gedichtsammlung 1979 - 2009, realdesign Leipzig
2010 Wie ein zweites Leben - Biographisches im Umbruch, Anthologie, Wartburg Verlag Weimar
Weitere Lesungen u.a. in der DHfK, in Weimar, in Borsdorf, in Rückmarsdorf,
in Leutzsch, im Ring-Cafe, für die Gemeinde der Thomaskirche,
in der Kilianskirche Bad Lausick, für die Gemeinde in Wahren,
im SPIZZ, im Tonelli`s, in der Universitätsklinik Leipzig,
im Stasi-Museum "Runde Ecke",
in der Kirche in Sellerhausen, im Diakonissen-Haus in Borsdorf,
im Montessori Schulzentrum in Grünau,im "Waldfrieden",
quer durch Connewitz und Gohlis, Gütersloh, Köln, Kempten
und immer wieder in einem lieben Stück Heimat, in Leipzig.
Für die ständige, freundlich - angenehme Zusammenarbeit,
Hilfe und Inspiration,
bedanke ich mich bei allen Veranstaltern und Freunden
und besonders bei meinen Kolleginnen und Kollegen:
Erich Loest, Henner Kotte, Roswitha Geppert, Heinz-Martin Benecke,
Roland Erb, Jan Flieger, Andreas Schmidt, Angelika Kanitz,
Wilfried Kurt „Fussel“ Heinrich,
Frank "Franz" Taeubert, Thilo "Blondi" Klemm, Dagmar Wegner,
Sabine Pilz, Lutz "Eisenheinrich" Heinrich, Fa. Heiland Werbung,
Hans "Erbse" Moser, Siegmar Faust, Dr. Matthias Rößler (MdL),
Ralph-Rüdiger Bernhard Stolle, Michael "Massa" Großwig, Monika Rietschel,
Ingo Paul, Sabine Martick, Matthias Huth, Stephanie Guimard,
Andreas "Doc" Lehmann, Gerd Neumann, Peter Dreger, Rudi Herb,
Ekkehard "Ecky" Meister
Silke Streng, Rik "Mützen-Paul" Ullrich, Anne- Katrin Siegel, Joe F. Winter,
Matthias Huth, Matt Liebsch, Tim Rostalski und Martin Güther, Mark Daniel (LVZ),
Günter "Günni" Janocha, Heike May, Erik Heyner, Rose und Flecke, Patrick Buckley,
Lutz Hilger (SPIZZ), Laszlo Karoly, Tonelli und Steffen Bux, Ailin Hannes,
Melanie Schmidt-Illmer (Marketing und Design), Tobias Meier (Leipzig Fernsehen),
Gabriele und Gerd Oehm, Barbara Harnisch (Wartburg Verlag Weimar),
Knut Mertens, Yoshiko Suzuki (wa akadamie), Guido Schäfer (LVZ),
Matthias Wöbking (LVZ), Rüdiger Bock, Dr. Rüdiger Losch und Gottfried Hänisch.

Zum Seitenanfang